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Kann KI Kunst bewerten? 

Warum sie fast immer falsch liegt

Sie besitzen ein Gemälde und möchten wissen, was es wert ist? 

Dann fragen Sie heute vermutlich als Erstes eine Künstliche Intelligenz.

Ein verständlicher Reflex. Die KI ist schnell, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. In wenigen Sekunden nennt sie Ihnen eine Zahl – selbstbewusst, präzise und mit einer Begründung, die klingt, als käme sie direkt aus einem Auktionshaus. 

 Und genau hier liegt die Gefahr. Denn wenn Sie KI Kunst bewerten lassen, erhalten Sie keine verlässliche Einschätzung. Sie erhalten eine schön verpackte Vermutung. Und diese Vermutung kann Sie am Ende bares Geld kosten.

Lassen Sie mich Ihnen erklären, warum.

Der teure Irrtum
„Ich brauche keinen Experten mehr"

Die Versuchung ist groß. Warum einen Sachverständigen bemühen, wenn ein Programm in zehn Sekunden eine Antwort liefert?

Weil dieser eine Gedanke gefährlicher ist, als er zunächst wirkt.

Die KI gibt Ihnen nämlich nicht nur eine Zahl. Sie gibt Ihnen einen Anker. In der Psychologie spricht man vom sogenannten Ankereffekt. Er beschreibt ein erstaunlich zuverlässiges Muster: Die erste Zahl, die wir hören, wird zu unserem Bezugspunkt. Wir hängen uns an sie. Und alles, was danach folgt, messen wir nur noch an diesem einen Wert. 

Das Tückische daran ist, dass Sie sich diesen Anker selbst setzen.

Und weil die KI den aktuellen Wert von Kunst fast immer zu hoch ansetzt, halten Sie plötzlich an einer Summe fest, die es auf dem realen Markt nie geben wird. 

Dann kommt ein ernsthafter Interessent. Er unterbreitet Ihnen ein faires, marktgerechtes Angebot. Und Sie lehnen ab – womöglich sogar ein wenig gekränkt. Schließlich hat die KI doch einen weit höheren Wert genannt. 

So verspielen Sie unbemerkt Ihre besten Chancen: auf den tatsächlichen Verkauf, auf eine ernsthafte Verhandlung, auf einen realistischen Erlös. Nicht die KI kostet Sie am Ende etwas. 

Es ist der Anker, den sie in Ihrem Kopf verankert hat.

Worauf die KI überhaupt zugreifen kann

Warum aber liegt eine KI beim Thema "Kunst bewerten" so häufig daneben?

Die Antwort ist einfach: Eine KI ist immer nur so gut wie die Daten, die ihr zur Verfügung stehen.
Und beim Kunstmarkt sind diese Daten erstaunlich lückenhaft. Sehen wir uns das im Einzelnen an.

1. Angebotspreise sind keine Verkaufspreise

Das ist der wichtigste Punkt überhaupt.

Was eine KI im Internet findet, sind die Preise, die Galerien und Händler aktuell fordern. Preisschilder also. Angebote. Wunschvorstellungen.

Ein Angebotspreis verrät Ihnen jedoch eine entscheidende Sache nicht: ob ein Werk zu diesem Preis jemals tatsächlich verkauft wurde.

Ein Gemälde kann seit Jahren für einen bestimmten Betrag in einer Galerie hängen – unverkauft. Und die KI übernimmt genau diesen Betrag als Maßstab.

Der Unterschied zwischen „gefordert" und „bezahlt" ist der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Die KI kennt in aller Regel nur den Wunsch.

2. Die entscheidenden Daten bleiben der KI verborgen

Die belastbaren Zahlen des Kunstmarkts liegen nicht frei im Netz.

Sie stehen in kostenpflichtigen Datenbanken und Auktionsarchiven – in Zugängen, die Fachleute über Jahre aufgebaut und teuer bezahlt haben. Dort finden sich die tatsächlich erzielten Zuschlagspreise. Die realen Ergebnisse.

Und genau dorthin gelangt eine KI nicht. Sie steht vor einer verschlossenen Tür und schätzt, was sich dahinter verbergen könnte.

3. Der Markt ist ein Durchschnitt – Ihr Werk ist es nicht

Selbst wenn eine KI einige Marktdaten erfasst, bildet sie daraus einen Durchschnitt. Kunst aber ist kein Durchschnitt.

Kein Werk gleicht dem anderen. Zwei Gemälde desselben Künstlers, aus demselben Jahr, in gleicher Größe und mit verwandtem Motiv, können sich im Preis um ein Vielfaches unterscheiden.

Die Annahme, die eine KI aus allgemeinen Marktdaten ableitet, hat mit Ihrem konkreten Einzelfall daher meist wenig zu tun. Sie rechnet mit der Masse. Sie aber besitzen ein Einzelstück.

4. Der Datensatz ist von gestern

Eine KI arbeitet mit Trainingsdaten und die sind stets ein Schnappschuss der Vergangenheit. Der Kunstmarkt aber bewegt sich.

Eine Retrospektive, ein plötzlicher Rekordzuschlag, eine wiederentdeckte Werkgruppe oder ein schlichter Wandel des Geschmacks können einen Markt binnen Monaten verschieben. Die KI merkt davon nichts. Sie urteilt über heute mit dem Wissen von gestern.

6. Und manchmal erfindet die KI ihre Zahlen einfach

Das vielleicht Unangenehmste zum Schluss: Fehlen einer KI die Daten, füllt sie die Lücke gelegentlich mit Erfindungen.

Sie nennt Auktionsergebnisse, die es nie gegeben hat, verwechselt Künstler gleichen Namens oder ordnet ein Werk der falschen Schaffensphase zu. Fachleute nennen das „Halluzinieren".

Das eigentlich Gefährliche daran ist nicht der Fehler selbst, sondern der selbstsichere Ton, in dem er vorgetragen wird. Eine Erfindung, die wie eine Tatsache klingt, ist schwer zu durchschauen.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Kern.

Eine seriöse Bewertung ist weit mehr als eine Zahl aus einer Datenbank. Sie ist Erfahrung, Marktkenntnis und ein geschultes Auge gewachsen über viele Jahre im Geschäft.

Diese Erfahrung lässt sich nicht durch harte Zahlen ersetzen, so überzeugend eine KI auch klingen mag. Denken Sie nur an all die Umstände, die den Wert eines Werks tatsächlich beeinflussen.

Lesen Sie dazu den Beitrag: Wann ist Kunst wertvoll?

All diese Faktoren wirken auf den Wert ein – bei jedem einzelnen Bild. Und all diese Faktoren kann eine KI kaum bis gar nicht einrechnen.

Hinzu kommt: Eine KI bewertet ohnehin nur ein Foto, niemals das Werk selbst. Den pastosen Farbauftrag, das Craquelé, die wahren Farbtöne, das Format, die Rückseite mit ihren Etiketten und Stempeln – all das, woran ein Fachmann ein Bild liest, ist auf einem Handyfoto schlicht nicht zu erkennen.

Und schließlich verwechselt eine KI gern, worüber sie überhaupt spricht. Versicherungswert, Schätzpreis, Händlerangebot und tatsächlicher Verkaufserlös sind vier völlig verschiedene Zahlen. Ein erfahrener Berater weiß in jedem Moment, welche davon gemeint ist. Die KI wirft sie gern in einen Topf – und nennt Ihnen dann meist die höchste.

Ein erfahrener Fachmann trägt all das als implizites Wissen im Kopf. Nicht, weil er es berechnet, sondern weil er es unzählige Male erlebt hat.

Der größte Blindfleck:

Ist das Werk eigentlich echt?

Doch der schwerwiegendste Einwand kommt zum Schluss. 

Und Sie kennen ihn aus unserem Haus nur zu gut. Eine KI bewertet ein Werk immer unter einer stillschweigenden Annahme: dass es echt ist. 

 Ob die Signatur trägt, ob es sich um eine Fälschung, eine Werkstattarbeit oder eine spätere Kopie handelt – all das kann eine KI nicht beurteilen. Sie liest den Namenszug auf der Leinwand und rechnet los. Damit wird die ganze Bewertung hinfällig. Denn der Wert eines Bildes, das gar nicht aus der Hand des Künstlers stammt, ist keine Frage von „zu hoch" oder „zu niedrig". Er existiert schlicht nicht. 

Gerade bei oft gefälschten Künstlern wie Otto Pippel führt sich eine KI-Bewertung damit selbst ad absurdum. Und es kommt noch etwas hinzu. Woraus lernt eine KI ihre Preise? Zu einem großen Teil aus Online-Angeboten. Und darunter sind, wie Sie wissen, überwiegend Fälschungen zu Fantasiepreisen. Die KI speist sich also ausgerechnet aus jenem Material, vor dem wir Sammler seit Jahren warnen. 

Ein Teufelskreis: Aus Fälschungen zu Wunschpreisen entsteht eine Bewertung, die das nächste Wunschbild zum vermeintlichen Original erhebt. 

Müll hinein, Müll heraus.

Mein Rat

1. Nehmen Sie eine KI-Bewertung niemals als gesicherten Wert. Betrachten Sie sie bestenfalls als groben ersten Eindruck – und niemals als Grundlage für eine Verkaufsentscheidung.

2. Klären Sie immer zuerst die Echtheit, dann den Wert. Solange nicht gesichert ist, dass ein Werk tatsächlich vom Künstler stammt, ist jede Wertangabe – ob von einer KI oder von Ihnen selbst – nur eine Zahl ohne Fundament.

3. Lassen Sie Ihr Werk von einem erfahrenen Fachmann einschätzen, bevor Sie einen Preis im Kopf verankern. Eine unabhängige, ehrliche Einordnung schützt Sie vor dem teuersten aller Fehler: an einer Fantasiezahl festzuhalten und den echten Verkauf zu verpassen.